Sturmböen.
Dezember 30, 2006
Das Radio warnt vor ihnen. Draussen pladdert Regen. Hin und wieder knallt ein Böller. Werde den Kragen hochschlagen. Vorhin verzierte ich das „Na Und?“ mit Girlanden und Luftschlangen, mir wurde schwindlig, als ich einen Ballon aufblies. Vorsätze muss ich noch suchen. Ein Tag 2006 übrig. Nun, so schlecht war es gar nicht. Sah die letzten Tage andere Dörfer, Fischerhudes Fachwerkromantik gefiel. Neulich stapfte ich mit Neffen und Bruder durch ein Moor. Es glupste nicht, wir taten das, vor Lachen. War fein. Jetzt bin ich wieder daheim. Ohne Fachwerk, ohne Moor. Morgen gibt es Knallerkrieg. Ich werde mich hinter Scheiben verschanzen, erst danach das neue Jahr begrüßen, auf den Straßen, in den Kneipen.
kundtun…
Dezember 23, 2006
…dass ich diese Weihnachtszeit noch keinen einzigen Spekulatius aß, obwohl ich die doch so gerne esse.
…dass ich ab gleich für einige Tage in einem anderen Dorf weilen werde und den dortigen Spekulatiusvorrat dezimieren will.
…dass mich auch in diesem Jahr die Weihnachtsstimmung bisher nicht ergriff, ich jedoch hoffe, dass die vor Aufregung roten Wangen meiner Neffen etwas auf mich abspiegeln.
…dass ich in sechs Jahren nur einen Heiligen Abend in St.Pauli feierte und das nur versehentlich.
…dass die Straßen einen Tick ruhiger sind, als an anderen Samstagen des Jahres.
…dass ich es mag, Leute zu drücken und ein frohes Fest zu wünschen.
…dass es mir Spaß macht, hier zu schreiben und ich nach der Rückkehr vom Lande damit weitermachen will.
…dass ich erst begonnen habe der Dorfschreiber zu sein und noch viel zu wenig weiß und zu wenig, was ich weiß, in Sprache goss.
…dass ich einen Sack voll Ideen hab für dieses Journal, die, nach dem Fest, ausgepackt werden können.
er und seine Kinder.
Dezember 18, 2006
Er, 65, selbständig, immer noch arbeitend als Gastronom, sehnt sich in letzter Zeit nach Hause. Während er früher oft bis in den Mittag hinein, mit einem oder zwei Gästen, für ein oder zwei Bier noch in der Kneipe blieb, empfindet er neuerdings ein Gefühl der Häuslichkeit.
Denn dort warten seit kurzem seine Kinder. Sie tragen putzige Namen, haben Federn und einer von ihnen spricht sogar. Er erzählt mir von ihnen, er beginnt, so scheint mir, zunehmend für sie zu leben. „Sie machen viel Dreck, aber ich liebe sie!“ sagt er so oder so ähnlich.
Er ist nicht der einzige im Viertel, für den ein Tier oder Tiere zum Lebensmittelpunkt und zum wesentlichen Ansprechpartner werden. Viele, die in ihren Wohnungen zunehmend vereinzeln, die wohl schon die Hoffnung auf einen menschlichen Partner aufgegeben haben oder nach anderen Formen sozialer Begegnung, Viele, die vielleicht auch nicht mehr die Kraft, die Neigung haben sich in die Ungewissheit und befürchtete Verletzlichkeit menschlicher Unmittelbarkeit zu stürzen, finden in einem Sittich, einem Dackel oder einem Kätzchen, die Ansprache, die sie bitter nötig haben.
Wohl nicht umsonst trotzt die Zoohandlung am Schulterblatt der Umwandlung in eine der Bar-oder Fastfoodvariationen, die, gerade im letzten Jahr noch einmal mehr, das Geschäftsgesicht dieser und anderer Straßen veränderten.
Einerseits bestärke ich ihn in dem Erleben mit seinen Kindern, fordere ihn auf, mir deren neueste Streiche zu erzählen, andererseits befürchte ich, dass wir aus Angst vor den Menschen, Tiere zu den besseren Menschen machen.
Hätte jeder sein Tier zuhaus, könnten bestimmt auch die Kosten für die psychosoziale Industrie gesenkt werden und immerhin liefen die Fernseher unbeachteter.
dieser Tag hatte keine richtige Pointe.
Dezember 17, 2006
was okay ist.
kleine Marx- und Hollowayumfrage zeitigt deprimierendes Ergebnis.
Dezember 16, 2006
Gestern Abend fragte ich im überfüllten „Stubs“ und auf dem Weg zum „Na Und?“, etwa fünfzehn Feierleute im Alter zwischen 20 und 30, ob sie schon mal etwas von Marx gelesen hätten und ob sie schon einmal etwas gehört hätten, von dem Buch John Holloways, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen.“ Marx hatte einer gelesen, Holloway kannte niemand.
Die Bedienungen im Stubs erklärte ich für mich zum Spitzenproletariat. Die durchaus hübschen Studentinnen verkaufen nicht in erster Linie Getränke, sondern eine wohldosierte, aber seriöse Portion Sex, da sie Oberteile tragen, die der Unterwäsche mehr zugehörig sind, als einer normalen Oberbekleidung.
Zugegeben, der viele Weißwein mit H.getrunken, hatte seinen Anteil an einem heftigen Ausbruch revolutionärer Gefühle in mir.
Eben aß ich Blumenkohl. Ansonsten wäre wohl wirklich die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen.
Dezemberfrühling.
Dezember 13, 2006
Ein schöner Dezember. Ich kann das Cordsakko tragen, ohne den dicken Trenchcoat drüberstülpen zu müssen. Schneeherzen gibt es noch nicht in diesem Dezember, wie vor vier Jahren, da mir Eine mit dem Fuß ein solches in die Schneedecke auf der Hinterhofwiese grub. Seit Tagen nieselt es – wohl um den Frühling im Dezember jedenfalls ein wenig jahreszeitgemäß unwirtlich zu gestalten. Mir kommt es so vor, als gäbe es deutlich weniger leuchtend, blinkende Weihnachtsdeko in den Fenstern. Sparen die Leute Strom oder sparen sie sich nur den Kitsch? Statt Tannenzweigen könnten genauso gut Weihnachtskrokusse blühen. Heute sah ich Leute, ein Lebkuchenhaus bauen. Schön windschief war es, sehr verwegen, total neben der Norm, ein bisschen wie die Leute, die es bauten. Ein bisschen wie ich, der zuschaute.
über überleben nachdenken.
Dezember 11, 2006
Überleben steht im Titel dieses Tagebuchs. Wie kommt es zu diesem Titel, wozu könnte er führen? Nach einigen Einträgen erscheint es mir sinnvoll, noch einmal in Stichworten die Ausgangs- und möglichen Zielpunkte zu sammeln:
- überleben im ultimativen Sinne -
auf St.Pauli gibt es eine relativ hohe Rate von Erkrankungen, gerade auch Armutserkrankungen wie Tuberkulose, Alkoholerkrankungen, Geschlechtskrankheiten, Mangelerkrankungen. Statistiken (wieder)finden, die das belegen. - überleben im Sinne von sich ernähren -
wie ernähren sich die Menschen? eine enorme Bandbreite von Lokalen und Restaurants, von Imbissen und Bioläden, von Supermärkten und Nischenläden; wer isst was, wer kauft wo ein, wie stark hängt das mit Herkunft und sozialer Lage zusammen? HausBethlehem in der Budapesterstraße versorgt Obdachlose mit Suppe und Frühstück. Das Restaurant NIL am Neuen Pferdemarkt ist eines der angesagten Edel-Lokale der Stadt. - überleben im Sinne von Einkommen haben -
Werbeagenturen und Boutiquen und Galerien, Vergnügungs- und Lustarbeit, neben der ARGE und dem Jobcenter. Schnorrer und Bettler, kleine Handwerksbetriebe, Seminaranbieter, kaum Industrie oder Großarbeitgeber, gebraut wird das Astra längst woanders. - überleben im Sinne von ertragen und aushalten -
Um den Stadteil herum breite Straßen, Verkehrslärm, Autokollonnen, Abgase, Schadstoffe. Drinnen manche fast idyllisch verwunschene Ecke mit Bäumen und Rückzugsorten. Vergnügungshektik, Großveranstaltungen, Dom und seine Feuerwerke. - überleben im Sinne von Nachwuchs -
hier wuseln die Kinder, während andernorts von Aussterben gesprochen wird. Kinder verschiedener Kulturen, Sprachen, finanzieller und sozialer Chancen und Möglichkeiten; bildungsnah – bildungsfern. Wie lernt man hier leben? Und wo, wie lange? - überleben im Sinne von über Leben -
verschiedene Religionen haben Kirchen und Zentren, politische Subkultur hat Nischen, Selbsterfahrung und Therapie hat ihre Plätze, Off-Kultur und Fan-Rituale existieren neben bohemer Randexistenz. Die Nachbarschaftskneipen mit rotem Plüsch neben Modetrash. Mancher philosophiert hier praktisch und findet mehr Weite und Nachsicht, als in anderen Dörfern. - im Sinne von Wandel –
viele, die früher im Hafen arbeiteten oder zu See fuhren, oder im Milieu anschafften und ihre Kinder, die hier schon lange lebten, verlassen den Ort in Richtung Billstedt oder Wilhelmsburg; Soziale Verdrängung. Dachausbauten und Luxusneubauten, Sanierung, Vernichtung billigen Wohnraums, schicke Lebenswelten entstehen, die Soziokultur wandelt sich. Mancher überlebt St.Pauli ohne es zu wollen, findet sich unverhofft woanders wieder. - überleben im Sinne individueller Praxis -
ich selbst, meine Wege, Blicke, mein täglich Allerlei, meine Vernetzungen und meine Isolierungen, mein Leben neben und mit und durch andere. Nachdenken über Leben, es erfahren im Angesicht des Anderen und Fremden, des Vertrauten und Abstoßenden. Und vielleicht Du, Sie, Ihr?
ach Gottchen.
Dezember 10, 2006
Irgendwo in einem Online-Magazin sah ich heute einen Bericht mit bunten Bildern über einen Erotik-Weihnachtsmarkt auf St.Pauli. Da sollen also wirklich Engel strippen und Sex-Ikonen seien zu ersteigern, aus Porzellan, oder so ähnlich. Ja, bei Spiegel-Online wars. Der Markt liegt an der Reeperbahn, wo sonst, hier bei mir direkt ums Eck jedenfalls nicht. Und wieder wird sie aufgemacht, die absolute Gleichung: Reeperbahn = St.Pauli.
Anderswo im Netz ist zu lesen: Die Reeperbahn sei das Herz von St.Pauli. Nunja, janun – ein Organ schon, dann aber eher die lückenhafte Hochglanzfresse.
Nahaufnahme im Waschcenter.
Dezember 8, 2006
Zwischen dem Glaszylinder der Maschinentür und der sich stetig bewegenden Metalltrommel mit meiner Wäsche, dem Waschmittel und dem Wasser, hing unten an der schwarzen Gummidichtung ein etwas größerer Tropfen. Er hing nicht bloß, sondern war großen Kräften ausgesetzt, durch das Rotieren der Trommel.
Besonders gut sehen konnte ich ihn, weil der Glaszylinder der Tür, dieses Guckfenster, wie ein Vergrößerungsglas funktionierte. Es erstaunte mich, dass er einerseits bewegt, seine Form dehnend und schrumpfend, doch das blieb, was ich Tropfen nenne. Abgesondert, herausgehoben von der gestaltloseren Masse des Waschwassers, blieb er etwas Eigenständiges, etwas kleines Ganzes, wenn auch noch nicht die kleinste Einheit, sondern wieder schon eine Zusammensetzung, ein Universum in sich. Mich beeindruckte diese trotzig wirkende Autonomie und die Möglichkeit des Heranzoomens.
Dass danach meine Wäsche besonders frisch roch, tat ein Übriges, den Gang in den Waschsalon, als gelungen zu bezeichnen.
Gemeinde?
Dezember 6, 2006
Versammlung, Rat, hinhören, gemeinsam, zielend,
Mauer, Grenze,missionieren, Paulus, Jünger, leben,Kindergarten, Nachwuchs,züchten, umwälzen, reden, sich öffnen, Achtsamkeit, erschaudern, warmwerden, verwalten,Bürgermeister, anblicken, Antlitze, gestalten,Budget, Streit, feiern,verklären,eingemeinden, erobern, Dorfdepp, ringelnatzen, Hafenstraße, Rausch, verweigern, Asterix, Struktur, organisieren, schreien, Haarriss, Quell, Ursprung, verwandtes, Familie, Patchwork, erkunden, archivieren, erzählen, Rituale, Götter erfinden, Speicher, Kern, Autonomie, Anarchie,Chaos, Vielfalt, assoziieren.