über überleben nachdenken.

Dezember 11, 2006

Überleben steht im Titel dieses Tagebuchs. Wie kommt es zu diesem Titel, wozu könnte er führen? Nach einigen Einträgen erscheint es mir sinnvoll, noch einmal in Stichworten die Ausgangs- und möglichen Zielpunkte zu sammeln:

  • überleben im ultimativen Sinne -
    auf St.Pauli gibt es eine relativ hohe Rate von Erkrankungen, gerade auch Armutserkrankungen wie Tuberkulose, Alkoholerkrankungen, Geschlechtskrankheiten, Mangelerkrankungen. Statistiken (wieder)finden, die das belegen.
  • überleben im Sinne von sich ernähren -
    wie ernähren sich die Menschen? eine enorme Bandbreite von Lokalen und Restaurants, von Imbissen und Bioläden, von Supermärkten und Nischenläden; wer isst was, wer kauft wo ein, wie stark hängt das mit Herkunft und sozialer Lage zusammen? HausBethlehem in der Budapesterstraße versorgt Obdachlose mit Suppe und Frühstück. Das Restaurant NIL am Neuen Pferdemarkt ist eines der angesagten Edel-Lokale der Stadt.
  • überleben im Sinne von Einkommen haben -
    Werbeagenturen und Boutiquen und Galerien, Vergnügungs- und Lustarbeit, neben der ARGE und dem Jobcenter. Schnorrer und Bettler, kleine Handwerksbetriebe, Seminaranbieter, kaum Industrie oder Großarbeitgeber, gebraut wird das Astra längst woanders.
  • überleben im Sinne von ertragen und aushalten -
    Um den Stadteil herum breite Straßen, Verkehrslärm, Autokollonnen, Abgase, Schadstoffe. Drinnen manche fast idyllisch verwunschene Ecke mit Bäumen und Rückzugsorten. Vergnügungshektik, Großveranstaltungen, Dom und seine Feuerwerke.
  • überleben im Sinne von Nachwuchs -
    hier wuseln die Kinder, während andernorts von Aussterben gesprochen wird. Kinder verschiedener Kulturen, Sprachen, finanzieller und sozialer Chancen und Möglichkeiten; bildungsnah – bildungsfern. Wie lernt man hier leben? Und wo, wie lange?
  • überleben im Sinne von über Leben -
    verschiedene Religionen haben Kirchen und Zentren, politische Subkultur hat Nischen, Selbsterfahrung und Therapie hat ihre Plätze, Off-Kultur und Fan-Rituale existieren neben bohemer Randexistenz. Die Nachbarschaftskneipen mit rotem Plüsch neben Modetrash. Mancher philosophiert hier praktisch und findet mehr Weite und Nachsicht, als in anderen Dörfern.
  • im Sinne von Wandel –
    viele, die früher im Hafen arbeiteten oder zu See fuhren, oder im Milieu anschafften und ihre Kinder, die hier schon lange lebten, verlassen den Ort in Richtung Billstedt oder Wilhelmsburg; Soziale Verdrängung. Dachausbauten und Luxusneubauten, Sanierung, Vernichtung billigen Wohnraums, schicke Lebenswelten entstehen, die Soziokultur wandelt sich. Mancher überlebt St.Pauli ohne es zu wollen, findet sich unverhofft woanders wieder.
  • überleben im Sinne individueller Praxis -
    ich selbst, meine Wege, Blicke, mein täglich Allerlei, meine Vernetzungen und meine Isolierungen, mein Leben neben und mit und durch andere. Nachdenken über Leben, es erfahren im Angesicht des Anderen und Fremden, des Vertrauten und Abstoßenden. Und vielleicht Du, Sie, Ihr?

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