schreiben.

Februar 23, 2007

setz dich auf deine vier Buchstaben
setz dich auf die Wörter
warte, dass sich etwas absetzt
üb Druck aus, fühle die Staben
ruhe auf dem Hintern der Sprache.


Herr Penny hat noch auf.

Februar 22, 2007

21:39

Es brennt noch Licht im Schulterblatt. Drinnen haben ein paar Kunden soviel Platz, dass sie Walzer tanzen könnten. Eine Mitarbeiterin zerreißt grinsend Karton. Der Kassenmann hat Zeit, sogar für einen Witz. Auf merkwürdige Weise breitet sich Gemütlichkeit zwischen den Regalen aus, wenn jetzt noch jemand das Licht dimmen könnte!?! Und vielleicht etwas Musik? Die warmen Seiten des Neoliberalismus lullen mich ein, die hohen, kalten Mauern der Ladenschlusszeiten stürzen dahin. Nun kann ich also das gleiche Geld nach der Tagesschau ausgeben. Revolution, Bravo! Die Menschheit schreitet unerbittlich auf dem Weg des Fortschritts und Herr Penny schreitet mit. Besser gesagt, er lässt den Kassenmann und die Kartonreisserin schreiten.

Die mich aber reizen würden.

Kanalisation unter dem Stadtteil:
wie es da wohl tönt, und ob ein Zwiegespräch mit den Ratten Neues bringt?

Auf dem Bunker am Heiligengeistfeld: der Blick herum und die Antwort auf die Frage, ob man dem Heiligen Geist so näher käme, machen einen Besuch erstrebenswert.

Stadtteilarchiv St.Pauli: in Artikeln, alten Fotos und Dokumenten stöbern, manches erfragen, was mir auf den Nägeln brennt und dieses Blog weiter anfüttern könnte.

Seitenschiff der Friedenskirche: da gibt es an Sonntagen nach dem Gottesdienst Kaffee und Gespräche, manchmal auch Kuchen; hatte mich bei meinen wenigen, unregelmäßigen Kirch-Besuchen, noch nie dort rein getraut.

Im Kopf des Bismarckdenkmals: was wohl herumschwirrt in dem alten Schädel; was einem darin für Gedanken kämen?

Nachdem ich gestern einen Text veröffentlicht habe, der etwas reflektiver oder auch abgehobener das Thema Raum und Ort behandelte, will ich heute mehr auf den Boden des Konkreten zurück und stichwortartig meinen eigenen Wohnraum darstellen. Ein Wohnraum, der durchaus exemplarisch ist für die Wohnsituation einer Reihe von Menschen hier auf St.Pauli, die ich kenne.

knapp dreissig Quadratmeter inklusive Balkon.
etwa zwanzig Quadratmeter Zimmer.
etwa zwei Quadratmeter Küche.
etwa vier Quadratmet Bad/WC mit Wanne.
etwa zwei Quadratmeter Flur.
etwa vier Quadratmeter Balkon, wobei nur die Hälfte auf die Wohnungsfläche angerechnet werden.
im Haus, wahrscheinlich aus den sechziger Jahren, gibt es 27 solcher Wohnungen.
drei Stockwerke.
so eine Art Rotklinker.
Mietpreis: knapp 400 Euro warm.

Schreibtisch aus Kindertagen, schwarzlackiert.
Matratze, Lattenrost, Korbsessel, Schaukelstuhl, Stuhl aus Stahlrohren mit Metallgestänge und roten Kunstlederbezügen, Balkonstuhl (blau, Metallbeine und -Lehnen)
2 Bücherregale, Kommode/Schrank im Flur.
Einbauküche, Herd, Kühlschrank, Hängeschränke, alles weiß.
kein Platz für eine Waschmaschine, kein Waschkeller, weshalb sich mein Wohnraum hin und wieder auf das nahegelegene Waschcenter ausweitet.

einige Stehlampen; einige Deckenleuchten, die ich vom Vormieter übernahm.
Blick auf ähnliche Häuser gegenüber und in einen, zu einer Seite hin offenen, Hof. Bäume, Wiese, Müllcontainer, Abfahrt zur Tiefgarage.

auch im Blick: ein Kirchturm und einige Altbauhäuser, die den Anfang einer Straße bilden.

ein langer, recht dunkler Hausflur, von dem die Wohnungen abgehen. Drei Stockwerke, eine irgendwie undefinierbare Treppenhausfarbe. Eine Haustür, die nicht richtig schließt. Einige große Risse in den Wänden am Hauseingang, die notdürftig ausgebessert sind.
keine Briefkästen, sondern, sicher zur Freude der Postboten, Briefschlitze in den Wohnungstüren.
keine Gegensprechanlage, aber immerhin ein elektrischer Türsummer.

Unten im Haus: ein italienisches Restaurant (im Keller eine Kegelbahn) , eine Bar, ein Spielsalon, ein Reisebüro mit Internetcafè und Schmuckverkauf.

Raum/Ort.

Februar 12, 2007

Beginnen, heisst immer, in einem Raum sein. Wer beginnt, befindet sich bereits in einem Raum, sieht sich in einer Umgebung, erfährt sich schon in einem Umfeld. Wir alle sollen den Raum der Gebärmutter erlebt haben, obwohl wir uns daran nicht erinnern können.

Der Ort ist der Ausgangspunkt unseres Befindens und er ist für jeden Menschen singulär. Es gibt nur einen Geburtsort, nicht mehrere, nur einen augenblicklichen Wohnort, nicht gleichzeitig viele. Es gibt nur einen Ort, an dem wir aufhören, an dem wir sterben werden.

Jeder Tag beginnt an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Raum. Dieser Raum bedingt unsere Bewegung und das was uns passiert und genauso das, was uns nicht passieren wird. Jeder Tag endet in einem Raum und dieser Raum bedingt demnach auch unseren Schlaf und das, was wir träumen und was wir nicht träumen werden.

Unser Leben teilt sich in Wohnräume, Schlafräume, Arbeitsräume, Freizeiträume, Gesellschaftsräume, öffentliche und private Räume. Hinter einem Raum beginnt gleich ein anderer, beginnen viele andere. Obwohl wir uns von Anfang an in einem Raum befinden, müssen wir uns doch erst Raum schaffen, den Raum bereiten. Es gilt, wie Rose Ausländer schrieb, im Tag seinen Ort zu finden, Tag für Tag.

Doch kennen wir auch Menschen, die offenbar aus ihrem Raum vertrieben sind. Wir kennen Menschen, die keinen Zugang mehr finden, die raumlos leben müssen. Unsere Sprache hat dafür das Wort „verrückt“ hervorgebracht. Von seinem Ort verrückt sein. Aus dem eigenen Raum verrückt werden. Natürlich befinden sich auch diese Menschen in Räumen, da es in unserer Existenz ja keinen Ort gibt, der nicht Ort, der nicht Raum wäre. Aber die Räume, in die Verrückte verbracht werden, sind leer und ohne Inhalt. Gefüllt mit Gegenständen, doch diese Gegenstände weisen nicht über sich hinaus, sie weisen Geschichte und Aneignung stumm von sich.

Diese sogenannten Räume bergen nicht, sie verbergen bloß. Sie berherbergen nicht, sie verstauen lediglich. Sie schützen nicht, sie schotten ab. Diese Räume lehren schon gar nicht, wie man sich Raum schafft, wie man Raum zurück gewinnt. Wenn sie etwas lehren, dann ist es das Ausweichen, das Abtauchen, das lautlose Untergehen. Aber die sogenannten Räume lehren eben nichts, sie trichtern ein und richten ab.

Für die anderen Verrückten, die wir gelernt haben “Verbrecher” zu nennen, schaffen wir Orte, die eigentlich die Aufhebung von Orten sind. Orte, die keine Heimat sein können. Orte die herausgebrochen aus dem Leben, das Leben nur in kleinster Dosierung einlassen. Letztlich Orte, die auf brutale Weise permanent vorläufig bleiben. Wer in solchen Unräumen lange Zeit verwahrt bleibt, wird es schwer haben jemals wieder seinen Ort zu finden in irgendeinem Tag. Diese Menschen werden selbst zu verwaisten Räumen gemacht, ohne die Möglichkeit sich zu orten oder geortet zu werden.

Eigentlich sollten die Grenzen zwischen den einzelnen Räumen fliessend sein. Denn die unzähligen ineinander fliessenden Räume bilden einen Ort, der geborgen ist im Weltraum und der wiederum in unendlich vielen Welträumen.

Das letzte Jahrhundert aber war der perverse “Kampf um Lebensraum”; ein Jahrhundert der andauernden Vertreibung. Es war das Zeitalter der Abgrenzung und Isolation in nationale Gebilde. Das dauert fort im Bau der Festung Europa und anderer statischer Konstrukte. Die Isolation hält an; wir leben in einer Kulturepoche der Reihenhäuschen und Jägerzäune.

Zwar werden die Kanäle zwischen den einzelnen Zellen zunehmend leistungsfähiger im Austausch von Waren, gleichzeitig vergrößern sich jedoch die Zwischenräume, die uns von den anderen Menschen trennen. Raum gewinnen müsste bedeuten, den Raum zu öffnen. Jeden Tag wieder von Neuem.

Partygesprächsketten.

Februar 7, 2007

Indien – nur 540 Euro hin und zurück – Vielfalt – arm und reich – ein Vater kommt daher – wo ist eigentlich Heimat – schlechter Film über Uschi Obermaier und Konsorten – viel Licht, viel Schatten …

Achtundsechziger – Wohngemeinschaften, die an Putzplänen scheiterten – Kuppeleiparagraph abgeschafft – kleine Erfolge, viel Desillusionierung – Sechzigjährige, die Jeans tragen und abrocken – atmosphärische Aufheiterungen – Kunsthandwerk – Selbsterkenntnis – viele Umarmungen – Lebenskunst …

Buffet – auf Hack gehören einfach Kapern – Lachs und gut – Eihälften ohne – locker aus der Hand – essen, stehen, tanzen – formloser glücklich – Senf aus der Tube – Maischips – selbstgekauft, schmeckt aber lecker – irgendwie sind wir ja alle biodynamisch …

Bekanntschaften – woher kennst du eigentlich …? – Sohn – Exfrau und immer noch gute Freundin – Nachbar – Freund des Freundes vom Nachbarn – Balkonmitbenutzer – Kollege – waren auf Reisen – ach, Gott, schon so lange – nett – usw. hat mich gefreut – mich auch – bis bald mal wieder – war jut.

heute.

Februar 6, 2007

Heute hat ein guter Nachbar Geburtstag. Neulich scherzten wir noch, dass es möglich sein wird, auf dem Balkon zu feiern. Als ich die Einkaufstüte mit dem Rotwein nach Hause trug, machte mir ein feiner Schneeriesel klar: Daraus, liebe Freunde, wird nichts. Ätsch.

Nun, dann kuscheln wir uns halt zwanzigfach in L.s Einraumwabe mit Küchenzeile und ziehen dem Eisregen eine putzige Nase.

Sonntag.

Februar 4, 2007

Du wirfst ein Wort
ich werfe ein Wort zurück

Mir ist das Gedicht genug
du wirfst weiter
über
den Kreis hinaus
und bist schon fort

Ich heb mein Wort
vom Boden auf
und geh rüber
einen Kaffee trinken

Völlig abgestrampelt
kommst du wieder
trinkst meinen Becher leer

Das Wort ist weg
sagst du als wäre das
das normalste von der Welt

Unterdessen ist mein Wort
irgendwie auf den wackligen Barhocker
an der Theke geklettert
und schäkert mit der Kellnerin

Immer wieder gehe ich an einer neulich eröffneten Kneipe vorbei. Meistens ist sie leer, schon seit Wochen. Dabei sieht es drinnen gar nicht so schlimm aus. Gut, der Plasmabildschirm, auf dem wohl tonlos Videoclips laufen, spricht nicht gerade für Stil und Geschmack, aber sonst spräche nichts dagegen, überhaupt mal reinzuschauen auf ein Getränk.

Was hält mich ab, was hält andere ab? Will man nicht Erster sein, scheut man die Aufmerksamkeit, die einem der Wirt stark entgegenbringen würde, weil man der händeringend herbeigesehnte Gast wäre? Vielleicht hallt es, wenn man spricht, weil andere fehlen, die den Schall schlucken könnten.

Vielleicht wird geglaubt, wo keiner drin ist, da kann es nicht gut sein, da lassen wir uns nicht nieder? Kneipengänger – soziale Wesen in Reinform; einer muss schon da sein, dann erst ziehen wir nach?

Wer eine Bar eröffnet, sollte den ersten Monat Bar-Statisten engagieren, die dort Gäste spielen, sodass wirkliche Gäste die Hemmschwelle und gleich auch die Türschwelle überwinden. Das wäre in den heutigen Zeiten eine ungemein geniale Geschäftsidee: Agentur für Bar-Komparsenvermietung.