radikal…

März 6, 2007

heißt eigentlich nur, an die Wurzel gehen.

Die mich aber reizen würden.

Kanalisation unter dem Stadtteil:
wie es da wohl tönt, und ob ein Zwiegespräch mit den Ratten Neues bringt?

Auf dem Bunker am Heiligengeistfeld: der Blick herum und die Antwort auf die Frage, ob man dem Heiligen Geist so näher käme, machen einen Besuch erstrebenswert.

Stadtteilarchiv St.Pauli: in Artikeln, alten Fotos und Dokumenten stöbern, manches erfragen, was mir auf den Nägeln brennt und dieses Blog weiter anfüttern könnte.

Seitenschiff der Friedenskirche: da gibt es an Sonntagen nach dem Gottesdienst Kaffee und Gespräche, manchmal auch Kuchen; hatte mich bei meinen wenigen, unregelmäßigen Kirch-Besuchen, noch nie dort rein getraut.

Im Kopf des Bismarckdenkmals: was wohl herumschwirrt in dem alten Schädel; was einem darin für Gedanken kämen?

Raum/Ort.

Februar 12, 2007

Beginnen, heisst immer, in einem Raum sein. Wer beginnt, befindet sich bereits in einem Raum, sieht sich in einer Umgebung, erfährt sich schon in einem Umfeld. Wir alle sollen den Raum der Gebärmutter erlebt haben, obwohl wir uns daran nicht erinnern können.

Der Ort ist der Ausgangspunkt unseres Befindens und er ist für jeden Menschen singulär. Es gibt nur einen Geburtsort, nicht mehrere, nur einen augenblicklichen Wohnort, nicht gleichzeitig viele. Es gibt nur einen Ort, an dem wir aufhören, an dem wir sterben werden.

Jeder Tag beginnt an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Raum. Dieser Raum bedingt unsere Bewegung und das was uns passiert und genauso das, was uns nicht passieren wird. Jeder Tag endet in einem Raum und dieser Raum bedingt demnach auch unseren Schlaf und das, was wir träumen und was wir nicht träumen werden.

Unser Leben teilt sich in Wohnräume, Schlafräume, Arbeitsräume, Freizeiträume, Gesellschaftsräume, öffentliche und private Räume. Hinter einem Raum beginnt gleich ein anderer, beginnen viele andere. Obwohl wir uns von Anfang an in einem Raum befinden, müssen wir uns doch erst Raum schaffen, den Raum bereiten. Es gilt, wie Rose Ausländer schrieb, im Tag seinen Ort zu finden, Tag für Tag.

Doch kennen wir auch Menschen, die offenbar aus ihrem Raum vertrieben sind. Wir kennen Menschen, die keinen Zugang mehr finden, die raumlos leben müssen. Unsere Sprache hat dafür das Wort „verrückt“ hervorgebracht. Von seinem Ort verrückt sein. Aus dem eigenen Raum verrückt werden. Natürlich befinden sich auch diese Menschen in Räumen, da es in unserer Existenz ja keinen Ort gibt, der nicht Ort, der nicht Raum wäre. Aber die Räume, in die Verrückte verbracht werden, sind leer und ohne Inhalt. Gefüllt mit Gegenständen, doch diese Gegenstände weisen nicht über sich hinaus, sie weisen Geschichte und Aneignung stumm von sich.

Diese sogenannten Räume bergen nicht, sie verbergen bloß. Sie berherbergen nicht, sie verstauen lediglich. Sie schützen nicht, sie schotten ab. Diese Räume lehren schon gar nicht, wie man sich Raum schafft, wie man Raum zurück gewinnt. Wenn sie etwas lehren, dann ist es das Ausweichen, das Abtauchen, das lautlose Untergehen. Aber die sogenannten Räume lehren eben nichts, sie trichtern ein und richten ab.

Für die anderen Verrückten, die wir gelernt haben “Verbrecher” zu nennen, schaffen wir Orte, die eigentlich die Aufhebung von Orten sind. Orte, die keine Heimat sein können. Orte die herausgebrochen aus dem Leben, das Leben nur in kleinster Dosierung einlassen. Letztlich Orte, die auf brutale Weise permanent vorläufig bleiben. Wer in solchen Unräumen lange Zeit verwahrt bleibt, wird es schwer haben jemals wieder seinen Ort zu finden in irgendeinem Tag. Diese Menschen werden selbst zu verwaisten Räumen gemacht, ohne die Möglichkeit sich zu orten oder geortet zu werden.

Eigentlich sollten die Grenzen zwischen den einzelnen Räumen fliessend sein. Denn die unzähligen ineinander fliessenden Räume bilden einen Ort, der geborgen ist im Weltraum und der wiederum in unendlich vielen Welträumen.

Das letzte Jahrhundert aber war der perverse “Kampf um Lebensraum”; ein Jahrhundert der andauernden Vertreibung. Es war das Zeitalter der Abgrenzung und Isolation in nationale Gebilde. Das dauert fort im Bau der Festung Europa und anderer statischer Konstrukte. Die Isolation hält an; wir leben in einer Kulturepoche der Reihenhäuschen und Jägerzäune.

Zwar werden die Kanäle zwischen den einzelnen Zellen zunehmend leistungsfähiger im Austausch von Waren, gleichzeitig vergrößern sich jedoch die Zwischenräume, die uns von den anderen Menschen trennen. Raum gewinnen müsste bedeuten, den Raum zu öffnen. Jeden Tag wieder von Neuem.

über Bande spielen.

Januar 28, 2007

Man lernt im virtuellen Spiel mit ein paar Kugeln – einem Computerbilliard – die Strategie zu ändern; nach langen Versuchen auf dem einen Weg, der Sache einen neuen Dreh zu geben.

Jetzt käme es darauf an, auch draussen auf der Straße, im Umgang mit den Menschen, in der Bewegung durch diese kleine Polis, durch eine winzige Veränderung der Kraft, durch einen minimalen Schlenker, durch eine sanfte Korrektur des Winkels, die Situationen zu verändern, ganz andere Konstellationen zu erzeugen; wenn man versteht, was ich meine … wenn ich verstehe, was ich meine.

Vielleicht beschäftige ich mich auch deshalb seit ein paar Tagen mit Esperanto…

Pauli näher als Pauli.

Januar 8, 2007

Den Kalauer kann ich mir nicht ersparen, pardon. Aber es geht um etwas anderes.

Durch die sogenannten Medien, erfahre ich mehr als ich eigentlich wissen will, über die Pauli-Affäre eines Herrn Stoiber, mit dem ich ja genaugenommen nichts zu tun habe, der in einem ganz anderen Dorf auf einem Schild herumgetragen wird und hofft, dass ihm die Basis nicht auf den Kopf fällt.

Oder ich lese von den Bart-Eskapaden eines Herrn Beck, obwohl wir nicht die gleiche Provinz teilen. Oder, unversehens und unverhofft, muss ich mir Bilder anschauen von exekutierten Diktatoren oder werde bedrängt von den Schwangerschaften ehemaliger Schwimmstars.

Was ich sagen will: Die Weltpolitik, der Globalklatsch schwappt in mein Wohnzimmer – die Gemeinde, in der ich lebe, mein direktes Umfeld, findet in den üblichen Medien nicht statt.

Ein Klick – und ich bin bei George Bush; ein viel längerer Weg aber zu den neuesten Nachrichten von meinem Nachbarn.

Ich bin ein stetiger Zaungast in einer virtuellen Weltgemeinde, doch häufig ein Unwissender in den drängenden Fragen und Krisen, die sich in nächster Nähe abspielen. Dort, wo ich relativ gut informiert bin, habe ich kaum Einfluss. Wo ich Einfluss hätte, in meiner Kommune, bin ich kaum informiert.

Als Erstes brauchte man wohl mal eine vernünftige St.Pauli-Zeitschrift, ein schwarzes Brett und einen Gemeindesaal.

Wir steuern bei, was wir haben. Wir tragen die Zutaten zusammen, waschen und putzen sie sorgsam, betasten sie, riechen an ihnen, fühlen sie, teilen sie in kleine, mundgerechte Stücke, beträufeln mit Öl und Essig, würzen mit kraftvollem Salz und pfeffern das Ganze. Wir stimmen es ab, mengen uns ein. Wir erfahren es mit allen Sinnen, geben manch Kraut dazu, investieren Zeit in die Zubereitung, lassen ziehen, haben Geduld. Das gemeinsame Mahl von einfachen Dingen, gegessen von einfachen Menschen. So könnte man sagen: Da haben wir den Salat! Diesmal wäre es ein Lob. Statt entfremdet konsumiert, zubereitet genossen – ein gemeinsames Werk.

Gestern Abend fragte ich im überfüllten „Stubs“ und auf dem Weg zum „Na Und?“, etwa fünfzehn Feierleute im Alter zwischen 20 und 30, ob sie schon mal etwas von Marx gelesen hätten und ob sie schon einmal etwas gehört hätten, von dem Buch John Holloways, „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen.“ Marx hatte einer gelesen, Holloway kannte niemand.

Die Bedienungen im Stubs erklärte ich für mich zum Spitzenproletariat. Die durchaus hübschen Studentinnen verkaufen nicht in erster Linie Getränke, sondern eine wohldosierte, aber seriöse Portion Sex, da sie Oberteile tragen, die der Unterwäsche mehr zugehörig sind, als einer normalen Oberbekleidung.

Zugegeben, der viele Weißwein mit H.getrunken, hatte seinen Anteil an einem heftigen Ausbruch revolutionärer Gefühle in mir.

Eben aß ich Blumenkohl. Ansonsten wäre wohl wirklich die Welt zu verändern, ohne die Macht zu übernehmen.

über überleben nachdenken.

Dezember 11, 2006

Überleben steht im Titel dieses Tagebuchs. Wie kommt es zu diesem Titel, wozu könnte er führen? Nach einigen Einträgen erscheint es mir sinnvoll, noch einmal in Stichworten die Ausgangs- und möglichen Zielpunkte zu sammeln:

  • überleben im ultimativen Sinne -
    auf St.Pauli gibt es eine relativ hohe Rate von Erkrankungen, gerade auch Armutserkrankungen wie Tuberkulose, Alkoholerkrankungen, Geschlechtskrankheiten, Mangelerkrankungen. Statistiken (wieder)finden, die das belegen.
  • überleben im Sinne von sich ernähren -
    wie ernähren sich die Menschen? eine enorme Bandbreite von Lokalen und Restaurants, von Imbissen und Bioläden, von Supermärkten und Nischenläden; wer isst was, wer kauft wo ein, wie stark hängt das mit Herkunft und sozialer Lage zusammen? HausBethlehem in der Budapesterstraße versorgt Obdachlose mit Suppe und Frühstück. Das Restaurant NIL am Neuen Pferdemarkt ist eines der angesagten Edel-Lokale der Stadt.
  • überleben im Sinne von Einkommen haben -
    Werbeagenturen und Boutiquen und Galerien, Vergnügungs- und Lustarbeit, neben der ARGE und dem Jobcenter. Schnorrer und Bettler, kleine Handwerksbetriebe, Seminaranbieter, kaum Industrie oder Großarbeitgeber, gebraut wird das Astra längst woanders.
  • überleben im Sinne von ertragen und aushalten -
    Um den Stadteil herum breite Straßen, Verkehrslärm, Autokollonnen, Abgase, Schadstoffe. Drinnen manche fast idyllisch verwunschene Ecke mit Bäumen und Rückzugsorten. Vergnügungshektik, Großveranstaltungen, Dom und seine Feuerwerke.
  • überleben im Sinne von Nachwuchs -
    hier wuseln die Kinder, während andernorts von Aussterben gesprochen wird. Kinder verschiedener Kulturen, Sprachen, finanzieller und sozialer Chancen und Möglichkeiten; bildungsnah – bildungsfern. Wie lernt man hier leben? Und wo, wie lange?
  • überleben im Sinne von über Leben -
    verschiedene Religionen haben Kirchen und Zentren, politische Subkultur hat Nischen, Selbsterfahrung und Therapie hat ihre Plätze, Off-Kultur und Fan-Rituale existieren neben bohemer Randexistenz. Die Nachbarschaftskneipen mit rotem Plüsch neben Modetrash. Mancher philosophiert hier praktisch und findet mehr Weite und Nachsicht, als in anderen Dörfern.
  • im Sinne von Wandel –
    viele, die früher im Hafen arbeiteten oder zu See fuhren, oder im Milieu anschafften und ihre Kinder, die hier schon lange lebten, verlassen den Ort in Richtung Billstedt oder Wilhelmsburg; Soziale Verdrängung. Dachausbauten und Luxusneubauten, Sanierung, Vernichtung billigen Wohnraums, schicke Lebenswelten entstehen, die Soziokultur wandelt sich. Mancher überlebt St.Pauli ohne es zu wollen, findet sich unverhofft woanders wieder.
  • überleben im Sinne individueller Praxis -
    ich selbst, meine Wege, Blicke, mein täglich Allerlei, meine Vernetzungen und meine Isolierungen, mein Leben neben und mit und durch andere. Nachdenken über Leben, es erfahren im Angesicht des Anderen und Fremden, des Vertrauten und Abstoßenden. Und vielleicht Du, Sie, Ihr?

Gestern beim Brettspiel mit zwei Freunden derart gelacht, dass ich zeitweilig glaubte, mein Zwerchfell müsse reißen. Während die Welle des Gelächters hier gerade auslief, sprang sie dem anderen dort schon wieder aus dem Gesicht und rollte weiter. Minutenlang.

Memo an mich selbst: diese Kraft nicht vergessen, sie könnte wirksamer sein als die politisch geballte Faust in der Tasche und widerständiger als manche Barrikade.

der paulist:

Juni 10, 2006

gezeugt
geboren gestillt,
registriert, wohnhaft, bekleidet, ausgebildet, geprüft, zensiert, gezählt, erfasst, gemustert, zurückgestellt, immatrikuliert, exmatrikuliert…