…und die Knospen singen: Ingmar hat Geburtstag. So sang es meine Mutter mir vor, an jedem zweiten März in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Dazu passend lupft seit einigen Tagen, aus dem Stumpf meiner Amarylis auf der Fensterbank, eine noch verschlossene Blüte den Kopf.

Nachdem ich gestern einen Text veröffentlicht habe, der etwas reflektiver oder auch abgehobener das Thema Raum und Ort behandelte, will ich heute mehr auf den Boden des Konkreten zurück und stichwortartig meinen eigenen Wohnraum darstellen. Ein Wohnraum, der durchaus exemplarisch ist für die Wohnsituation einer Reihe von Menschen hier auf St.Pauli, die ich kenne.

knapp dreissig Quadratmeter inklusive Balkon.
etwa zwanzig Quadratmeter Zimmer.
etwa zwei Quadratmeter Küche.
etwa vier Quadratmet Bad/WC mit Wanne.
etwa zwei Quadratmeter Flur.
etwa vier Quadratmeter Balkon, wobei nur die Hälfte auf die Wohnungsfläche angerechnet werden.
im Haus, wahrscheinlich aus den sechziger Jahren, gibt es 27 solcher Wohnungen.
drei Stockwerke.
so eine Art Rotklinker.
Mietpreis: knapp 400 Euro warm.

Schreibtisch aus Kindertagen, schwarzlackiert.
Matratze, Lattenrost, Korbsessel, Schaukelstuhl, Stuhl aus Stahlrohren mit Metallgestänge und roten Kunstlederbezügen, Balkonstuhl (blau, Metallbeine und -Lehnen)
2 Bücherregale, Kommode/Schrank im Flur.
Einbauküche, Herd, Kühlschrank, Hängeschränke, alles weiß.
kein Platz für eine Waschmaschine, kein Waschkeller, weshalb sich mein Wohnraum hin und wieder auf das nahegelegene Waschcenter ausweitet.

einige Stehlampen; einige Deckenleuchten, die ich vom Vormieter übernahm.
Blick auf ähnliche Häuser gegenüber und in einen, zu einer Seite hin offenen, Hof. Bäume, Wiese, Müllcontainer, Abfahrt zur Tiefgarage.

auch im Blick: ein Kirchturm und einige Altbauhäuser, die den Anfang einer Straße bilden.

ein langer, recht dunkler Hausflur, von dem die Wohnungen abgehen. Drei Stockwerke, eine irgendwie undefinierbare Treppenhausfarbe. Eine Haustür, die nicht richtig schließt. Einige große Risse in den Wänden am Hauseingang, die notdürftig ausgebessert sind.
keine Briefkästen, sondern, sicher zur Freude der Postboten, Briefschlitze in den Wohnungstüren.
keine Gegensprechanlage, aber immerhin ein elektrischer Türsummer.

Unten im Haus: ein italienisches Restaurant (im Keller eine Kegelbahn) , eine Bar, ein Spielsalon, ein Reisebüro mit Internetcafè und Schmuckverkauf.

Immer wieder gehe ich an einer neulich eröffneten Kneipe vorbei. Meistens ist sie leer, schon seit Wochen. Dabei sieht es drinnen gar nicht so schlimm aus. Gut, der Plasmabildschirm, auf dem wohl tonlos Videoclips laufen, spricht nicht gerade für Stil und Geschmack, aber sonst spräche nichts dagegen, überhaupt mal reinzuschauen auf ein Getränk.

Was hält mich ab, was hält andere ab? Will man nicht Erster sein, scheut man die Aufmerksamkeit, die einem der Wirt stark entgegenbringen würde, weil man der händeringend herbeigesehnte Gast wäre? Vielleicht hallt es, wenn man spricht, weil andere fehlen, die den Schall schlucken könnten.

Vielleicht wird geglaubt, wo keiner drin ist, da kann es nicht gut sein, da lassen wir uns nicht nieder? Kneipengänger – soziale Wesen in Reinform; einer muss schon da sein, dann erst ziehen wir nach?

Wer eine Bar eröffnet, sollte den ersten Monat Bar-Statisten engagieren, die dort Gäste spielen, sodass wirkliche Gäste die Hemmschwelle und gleich auch die Türschwelle überwinden. Das wäre in den heutigen Zeiten eine ungemein geniale Geschäftsidee: Agentur für Bar-Komparsenvermietung.

Pauli näher als Pauli.

Januar 8, 2007

Den Kalauer kann ich mir nicht ersparen, pardon. Aber es geht um etwas anderes.

Durch die sogenannten Medien, erfahre ich mehr als ich eigentlich wissen will, über die Pauli-Affäre eines Herrn Stoiber, mit dem ich ja genaugenommen nichts zu tun habe, der in einem ganz anderen Dorf auf einem Schild herumgetragen wird und hofft, dass ihm die Basis nicht auf den Kopf fällt.

Oder ich lese von den Bart-Eskapaden eines Herrn Beck, obwohl wir nicht die gleiche Provinz teilen. Oder, unversehens und unverhofft, muss ich mir Bilder anschauen von exekutierten Diktatoren oder werde bedrängt von den Schwangerschaften ehemaliger Schwimmstars.

Was ich sagen will: Die Weltpolitik, der Globalklatsch schwappt in mein Wohnzimmer – die Gemeinde, in der ich lebe, mein direktes Umfeld, findet in den üblichen Medien nicht statt.

Ein Klick – und ich bin bei George Bush; ein viel längerer Weg aber zu den neuesten Nachrichten von meinem Nachbarn.

Ich bin ein stetiger Zaungast in einer virtuellen Weltgemeinde, doch häufig ein Unwissender in den drängenden Fragen und Krisen, die sich in nächster Nähe abspielen. Dort, wo ich relativ gut informiert bin, habe ich kaum Einfluss. Wo ich Einfluss hätte, in meiner Kommune, bin ich kaum informiert.

Als Erstes brauchte man wohl mal eine vernünftige St.Pauli-Zeitschrift, ein schwarzes Brett und einen Gemeindesaal.

Sturmböen.

Dezember 30, 2006

Das Radio warnt vor ihnen. Draussen pladdert Regen. Hin und wieder knallt ein Böller. Werde den Kragen hochschlagen. Vorhin verzierte ich das „Na Und?“ mit Girlanden und Luftschlangen, mir wurde schwindlig, als ich einen Ballon aufblies. Vorsätze muss ich noch suchen. Ein Tag 2006 übrig. Nun, so schlecht war es gar nicht. Sah die letzten Tage andere Dörfer, Fischerhudes Fachwerkromantik gefiel. Neulich stapfte ich mit Neffen und Bruder durch ein Moor. Es glupste nicht, wir taten das, vor Lachen. War fein. Jetzt bin ich wieder daheim. Ohne Fachwerk, ohne Moor. Morgen gibt es Knallerkrieg. Ich werde mich hinter Scheiben verschanzen, erst danach das neue Jahr begrüßen, auf den Straßen, in den Kneipen.

kundtun…

Dezember 23, 2006

…dass ich diese Weihnachtszeit noch keinen einzigen Spekulatius aß, obwohl ich die doch so gerne esse.

…dass ich ab gleich für einige Tage in einem anderen Dorf weilen werde und den dortigen Spekulatiusvorrat dezimieren will.

…dass mich auch in diesem Jahr die Weihnachtsstimmung bisher nicht ergriff, ich jedoch hoffe, dass die vor Aufregung roten Wangen meiner Neffen etwas auf mich abspiegeln.

…dass ich in sechs Jahren nur einen Heiligen Abend in St.Pauli feierte und das nur versehentlich.

…dass die Straßen einen Tick ruhiger sind, als an anderen Samstagen des Jahres.

…dass ich es mag, Leute zu drücken und ein frohes Fest zu wünschen.

…dass es mir Spaß macht, hier zu schreiben und ich nach der Rückkehr vom Lande damit weitermachen will.

…dass ich erst begonnen habe der Dorfschreiber zu sein und noch viel zu wenig weiß und zu wenig, was ich weiß, in Sprache goss.

…dass ich einen Sack voll Ideen hab für dieses Journal, die, nach dem Fest, ausgepackt werden können.

über überleben nachdenken.

Dezember 11, 2006

Überleben steht im Titel dieses Tagebuchs. Wie kommt es zu diesem Titel, wozu könnte er führen? Nach einigen Einträgen erscheint es mir sinnvoll, noch einmal in Stichworten die Ausgangs- und möglichen Zielpunkte zu sammeln:

  • überleben im ultimativen Sinne -
    auf St.Pauli gibt es eine relativ hohe Rate von Erkrankungen, gerade auch Armutserkrankungen wie Tuberkulose, Alkoholerkrankungen, Geschlechtskrankheiten, Mangelerkrankungen. Statistiken (wieder)finden, die das belegen.
  • überleben im Sinne von sich ernähren -
    wie ernähren sich die Menschen? eine enorme Bandbreite von Lokalen und Restaurants, von Imbissen und Bioläden, von Supermärkten und Nischenläden; wer isst was, wer kauft wo ein, wie stark hängt das mit Herkunft und sozialer Lage zusammen? HausBethlehem in der Budapesterstraße versorgt Obdachlose mit Suppe und Frühstück. Das Restaurant NIL am Neuen Pferdemarkt ist eines der angesagten Edel-Lokale der Stadt.
  • überleben im Sinne von Einkommen haben -
    Werbeagenturen und Boutiquen und Galerien, Vergnügungs- und Lustarbeit, neben der ARGE und dem Jobcenter. Schnorrer und Bettler, kleine Handwerksbetriebe, Seminaranbieter, kaum Industrie oder Großarbeitgeber, gebraut wird das Astra längst woanders.
  • überleben im Sinne von ertragen und aushalten -
    Um den Stadteil herum breite Straßen, Verkehrslärm, Autokollonnen, Abgase, Schadstoffe. Drinnen manche fast idyllisch verwunschene Ecke mit Bäumen und Rückzugsorten. Vergnügungshektik, Großveranstaltungen, Dom und seine Feuerwerke.
  • überleben im Sinne von Nachwuchs -
    hier wuseln die Kinder, während andernorts von Aussterben gesprochen wird. Kinder verschiedener Kulturen, Sprachen, finanzieller und sozialer Chancen und Möglichkeiten; bildungsnah – bildungsfern. Wie lernt man hier leben? Und wo, wie lange?
  • überleben im Sinne von über Leben -
    verschiedene Religionen haben Kirchen und Zentren, politische Subkultur hat Nischen, Selbsterfahrung und Therapie hat ihre Plätze, Off-Kultur und Fan-Rituale existieren neben bohemer Randexistenz. Die Nachbarschaftskneipen mit rotem Plüsch neben Modetrash. Mancher philosophiert hier praktisch und findet mehr Weite und Nachsicht, als in anderen Dörfern.
  • im Sinne von Wandel –
    viele, die früher im Hafen arbeiteten oder zu See fuhren, oder im Milieu anschafften und ihre Kinder, die hier schon lange lebten, verlassen den Ort in Richtung Billstedt oder Wilhelmsburg; Soziale Verdrängung. Dachausbauten und Luxusneubauten, Sanierung, Vernichtung billigen Wohnraums, schicke Lebenswelten entstehen, die Soziokultur wandelt sich. Mancher überlebt St.Pauli ohne es zu wollen, findet sich unverhofft woanders wieder.
  • überleben im Sinne individueller Praxis -
    ich selbst, meine Wege, Blicke, mein täglich Allerlei, meine Vernetzungen und meine Isolierungen, mein Leben neben und mit und durch andere. Nachdenken über Leben, es erfahren im Angesicht des Anderen und Fremden, des Vertrauten und Abstoßenden. Und vielleicht Du, Sie, Ihr?

ach Gottchen.

Dezember 10, 2006

Irgendwo in einem Online-Magazin sah ich heute einen Bericht mit bunten Bildern über einen Erotik-Weihnachtsmarkt auf St.Pauli. Da sollen also wirklich Engel strippen und Sex-Ikonen seien zu ersteigern, aus Porzellan, oder so ähnlich. Ja, bei Spiegel-Online wars. Der Markt liegt an der Reeperbahn, wo sonst, hier bei mir direkt ums Eck jedenfalls nicht. Und wieder wird sie aufgemacht, die absolute Gleichung: Reeperbahn = St.Pauli.

Anderswo im Netz ist zu lesen: Die Reeperbahn sei das Herz von St.Pauli. Nunja, janun – ein Organ schon, dann aber eher die lückenhafte Hochglanzfresse.

rot, mintgrün, weiß?

November 26, 2006

Ich will meine Wohnung renovieren.

Jetzt ist es raus.

Man denkt, sowas sei reine Privatsache, spiele sich hinter den eigenen vier Wänden ab. Da hat niemand etwas zu schaffen mit, außer ich selbst, das Bewohnungsindividuum. Aber andererseits liegt meine Wohnung mittendrin im Dorf. Gegenüber haben andere ihre Fenster.

Manchmal bemerke ich verstohlene Blicke, Den Rest des Beitrags lesen »

wie so oft also.

Juli 16, 2006

Angefangen, euphorisch diesen Blog, dieses Logbuch in das Netz gehauen mit einem guten Titel und einem durchaus ambitionierten Plan, wie ich mir uneitel erlaube zu finden, und dann mal wieder ins Stocken geraten. Zumindest mit dem Schreiben. Den Rest des Beitrags lesen »