übrigens:
Juni 1, 2007
wissen Sie,
die kleinen Portionen
sind mein Programm.
die Sekunden liebe ich mehr
als ich die Tage liebe.
ich zähle die Erbsen
und lasse den anderen die großen Brocken.
Sicherheitsvorkehrungen.
April 24, 2007
Silben bevorraten. Satzzeichen-Proviant anlegen. Haupt- und Nebensätze bunkern. Verschiedene Wortbedeutungen getrennt verstauen. Lehenswörter nicht vergessen. Handgrammatik stets bei sich tragen. Stilmittel luftdicht verschweißen. Pointen einpökeln.
schreiben.
Februar 23, 2007
setz dich auf deine vier Buchstaben
setz dich auf die Wörter
warte, dass sich etwas absetzt
üb Druck aus, fühle die Staben
ruhe auf dem Hintern der Sprache.
Raum/Ort.
Februar 12, 2007
Beginnen, heisst immer, in einem Raum sein. Wer beginnt, befindet sich bereits in einem Raum, sieht sich in einer Umgebung, erfährt sich schon in einem Umfeld. Wir alle sollen den Raum der Gebärmutter erlebt haben, obwohl wir uns daran nicht erinnern können.
Der Ort ist der Ausgangspunkt unseres Befindens und er ist für jeden Menschen singulär. Es gibt nur einen Geburtsort, nicht mehrere, nur einen augenblicklichen Wohnort, nicht gleichzeitig viele. Es gibt nur einen Ort, an dem wir aufhören, an dem wir sterben werden.
Jeder Tag beginnt an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Raum. Dieser Raum bedingt unsere Bewegung und das was uns passiert und genauso das, was uns nicht passieren wird. Jeder Tag endet in einem Raum und dieser Raum bedingt demnach auch unseren Schlaf und das, was wir träumen und was wir nicht träumen werden.
Unser Leben teilt sich in Wohnräume, Schlafräume, Arbeitsräume, Freizeiträume, Gesellschaftsräume, öffentliche und private Räume. Hinter einem Raum beginnt gleich ein anderer, beginnen viele andere. Obwohl wir uns von Anfang an in einem Raum befinden, müssen wir uns doch erst Raum schaffen, den Raum bereiten. Es gilt, wie Rose Ausländer schrieb, im Tag seinen Ort zu finden, Tag für Tag.
Doch kennen wir auch Menschen, die offenbar aus ihrem Raum vertrieben sind. Wir kennen Menschen, die keinen Zugang mehr finden, die raumlos leben müssen. Unsere Sprache hat dafür das Wort „verrückt“ hervorgebracht. Von seinem Ort verrückt sein. Aus dem eigenen Raum verrückt werden. Natürlich befinden sich auch diese Menschen in Räumen, da es in unserer Existenz ja keinen Ort gibt, der nicht Ort, der nicht Raum wäre. Aber die Räume, in die Verrückte verbracht werden, sind leer und ohne Inhalt. Gefüllt mit Gegenständen, doch diese Gegenstände weisen nicht über sich hinaus, sie weisen Geschichte und Aneignung stumm von sich.
Diese sogenannten Räume bergen nicht, sie verbergen bloß. Sie berherbergen nicht, sie verstauen lediglich. Sie schützen nicht, sie schotten ab. Diese Räume lehren schon gar nicht, wie man sich Raum schafft, wie man Raum zurück gewinnt. Wenn sie etwas lehren, dann ist es das Ausweichen, das Abtauchen, das lautlose Untergehen. Aber die sogenannten Räume lehren eben nichts, sie trichtern ein und richten ab.
Für die anderen Verrückten, die wir gelernt haben “Verbrecher” zu nennen, schaffen wir Orte, die eigentlich die Aufhebung von Orten sind. Orte, die keine Heimat sein können. Orte die herausgebrochen aus dem Leben, das Leben nur in kleinster Dosierung einlassen. Letztlich Orte, die auf brutale Weise permanent vorläufig bleiben. Wer in solchen Unräumen lange Zeit verwahrt bleibt, wird es schwer haben jemals wieder seinen Ort zu finden in irgendeinem Tag. Diese Menschen werden selbst zu verwaisten Räumen gemacht, ohne die Möglichkeit sich zu orten oder geortet zu werden.
Eigentlich sollten die Grenzen zwischen den einzelnen Räumen fliessend sein. Denn die unzähligen ineinander fliessenden Räume bilden einen Ort, der geborgen ist im Weltraum und der wiederum in unendlich vielen Welträumen.
Das letzte Jahrhundert aber war der perverse “Kampf um Lebensraum”; ein Jahrhundert der andauernden Vertreibung. Es war das Zeitalter der Abgrenzung und Isolation in nationale Gebilde. Das dauert fort im Bau der Festung Europa und anderer statischer Konstrukte. Die Isolation hält an; wir leben in einer Kulturepoche der Reihenhäuschen und Jägerzäune.
Zwar werden die Kanäle zwischen den einzelnen Zellen zunehmend leistungsfähiger im Austausch von Waren, gleichzeitig vergrößern sich jedoch die Zwischenräume, die uns von den anderen Menschen trennen. Raum gewinnen müsste bedeuten, den Raum zu öffnen. Jeden Tag wieder von Neuem.
Partygesprächsketten.
Februar 7, 2007
… Indien – nur 540 Euro hin und zurück – Vielfalt – arm und reich – ein Vater kommt daher – wo ist eigentlich Heimat – schlechter Film über Uschi Obermaier und Konsorten – viel Licht, viel Schatten …
… Achtundsechziger – Wohngemeinschaften, die an Putzplänen scheiterten – Kuppeleiparagraph abgeschafft – kleine Erfolge, viel Desillusionierung – Sechzigjährige, die Jeans tragen und abrocken – atmosphärische Aufheiterungen – Kunsthandwerk – Selbsterkenntnis – viele Umarmungen – Lebenskunst …
… Buffet – auf Hack gehören einfach Kapern – Lachs und gut – Eihälften ohne – locker aus der Hand – essen, stehen, tanzen – formloser glücklich – Senf aus der Tube – Maischips – selbstgekauft, schmeckt aber lecker – irgendwie sind wir ja alle biodynamisch …
… Bekanntschaften – woher kennst du eigentlich …? – Sohn – Exfrau und immer noch gute Freundin – Nachbar – Freund des Freundes vom Nachbarn – Balkonmitbenutzer – Kollege – waren auf Reisen – ach, Gott, schon so lange – nett – usw. hat mich gefreut – mich auch – bis bald mal wieder – war jut.
Sonntag.
Februar 4, 2007
Du wirfst ein Wort
ich werfe ein Wort zurück
Mir ist das Gedicht genug
du wirfst weiter
über
den Kreis hinaus
und bist schon fort
Ich heb mein Wort
vom Boden auf
und geh rüber
einen Kaffee trinken
Völlig abgestrampelt
kommst du wieder
trinkst meinen Becher leer
Das Wort ist weg
sagst du als wäre das
das normalste von der Welt
Unterdessen ist mein Wort
irgendwie auf den wackligen Barhocker
an der Theke geklettert
und schäkert mit der Kellnerin
Gespräch zweier Nachbarn.
Januar 12, 2007
Ort: Treppenhaus
N1: Hallo
N2: Hmm.
vier Monate später
N1: Oh, ich halte mal die Tür auf…
N2: Geht schon…
acht Monate später
N2: Scheiß Wetter, was…
N1: Ja, da kommt ordentlich was runter…
N2: Jupp, Schönen Abend noch.
N1: Gleichfalls.
sieben Monate später
N2: Sie wohnen jetzt hier, oder?
N1: Nunja, dritter Stock, eigentlich schon seit…
N2: Na dann, herzlich Willkommen.
dreizehn Monate später
N1: Tach.
N2: Tach, und schon alles eingerichtet?
N1: Ähm, ja, danke, alles klar.
fünf Monate später
N2: Moin, ach wegen dem Gespräch von neulich, ich bin Handwerker, wenn du was brauchst, klingel mal.
N1: Danke, sehr nett. Wo wohnen …Sie, Du?.
N2: Zweiter Stock, gleich neben der Treppe, links.
vierzehn Monate später
N2: Tach mal wieder, wir laufen uns ja ständig über den Weg.
N1: Tja, so ein Zufall, wie gehts?
N2: Muss ja, muss ja. Selbst?
N1: Kann nicht klagen, danke.
neun Monate später
N1: Hallo, … ich ziehe übrigens nächste Woche aus.
N2: Was, schon wieder, pff, schade, wirklich schade, mit dir konnt man sich immer so nett unterhalten.
N1: Danke, nichts für ungut.
N2: Dann mal alles Gute.
N1. Man sieht sich bestimmt noch mal…
N2: Klar, wenn du mal wieder vorbeikommst, melde dich … Ähm, wie heißt du eigentlich?
während es draußen nieselt und windet – Zwischenruf 2.
Januar 11, 2007
Der Müll, die Fahrt, der wankende Glanz,
Zellen, Flure, Transmitter und Displays,
das Blinken der Kontrolllampen, der Messgeräte Fiepen,
die Mechanisierung der Liebe, der Leidenschaft,
Zucker in Plastikgetränken, flüssig, der Verallgemeinerung Flut,
die Überwachungsdienste, die Überwachungskameras, die wachenden Institute,
der Müll – der anwächst, der Müll – der brennt, die winzigen Rußteilchen, die den Globus still umwandern, eine Erziehung zu Robotern, zu Funktionen, die Austreibung des Spontanen, dafür die Entwicklung, die Produktion einer kindischen Kultur, einer Vergröhlung alles Gewachsenen, einer Styroporisierung aller Gründe, die Vergötzung des Individuums, des Atoms, der Vereinzelung und dadurch, die sanft scheinende Beherrschung: Die Despotie ist smart geworden, lächelnd, sympathisch, leiser und wirkt human.
Zwischenruf.
Januar 9, 2007
Statt uns Aufgaben zu suchen, draußen in der Welt, die den ganzen Menschen fordern, sitzen wir an den Bildschirmen und fordern uns gegenseitig heraus; in einer Welt des Scheins lösen wir Aufgaben in der Form des Als Ob, sagte der Hirnforscher.
fiktiver Gesprächsfetzen, wie er aufgeschnappt sein könnte.
Januar 3, 2007
(Er spricht, Sie hört zu)
„… Ich hab nichts mehr … Firma weg … Haus weg … Auto weg … Zack … wenn du nichts mehr hast, beginnt die Freiheit … Schwamm drüber … ich bin Idealist … du bist auf dem Weg … wir gehen den Weg zu Ende … ich zeig dir den Weg … ich bin Krebs, du bist Jungfrau … Zack … gleich zusammen ans Meer fürs Wochenende … das ist Weltklasse … das ist St.Pauli … da fällt die Liebe hin, wie es geht … Zack … das gibts in Düsseldorf nicht … St.Pauli ist die Hauptstadt der Liebe … das schafft ihr in eurem Vorort nicht … Zack … in Düsseldorf geht sowas nicht … komm … Schwamm drüber … wir gehen den Weg zu Ende … Zack … ich bin Idealist …“